Bischof hilft bei der Freigabe des Kolpinghauses

Die Verhandlungen und Bemühungen um die Freigabe des Hauses gingen intensiv weiter. Der Schutzvorstand hatte mit allen politischen, kirchlichen und verbandlichen sowie militärischen Gruppen Verhandlungen aufgenommen und erkannt, daß über der örtlichen Ebenen keine positive Entscheidung zu erwarten, bzw. möglich war.

Über die Gesamtsituation gibt ein Schreiben des Stadtdirektors Heinrich Klasmeyer an den Apostolischen Visitator für Deutschland, den amerikanischen Bischof Dr. Aloisius Muench vom 14.10.1949 wieder. Diese kirchliche Stelle war als letzte Möglichkeit, eine Freigabe zu erwirken, gesehen worden.  

Das Gesuch der Kolpingsfamilie Neheim auf Freigabe ihres Hauses wird von der Stadtverwaltung dringend befürwortet. Die belgische Besatzung hat außer dem Kolpinghaus noch drei weitere Hotels, eine Gaststätte und ein großes Lichtspieltheater beschlag nahmt. Das Kolpinghaus enthält den größten Saal der Stadt, in welchen sich das Gemeinschaftsleben der Einwohnerschaft abspielte. Durch die Beschlagnahme dieses Hauses ist es unmöglich geworden, mit Großveranstaltungen unter Mitwirkung prominenter Gäste auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Politik an die Öffentlichkeit zu treten. Das gesamte kulturelle und politische Leben in unserer Stadt muß verkümmern, wenn es nicht gelingt, die Freigabe des Kolpinghauses zu erwirken. Der Neubau eines entsprechenden Versammlungsraumes kann infolge der beschränkten öffentlichen Mittel und wegen des ungeheuren Wohnraumbedarfs nicht erfolgen.  

Das Kolpinghaus wird von der belgischen Besatzung entsprechend seiner Größe nicht ausgenutzt. Es kann von der Öffentlichkeit nicht verstanden werden, daß gerade dieses Haus, das als Versammlungsstätte den kath. Organisationen diente, von der Besatzung für ihre eigenen Zwecke in Anspruch genommen wird. Die Aufrechterhaltung der Beschlagnahme wird von den gesamten Bevölkerung bitter empfunden.  

Die maßgebenden Stellen der britischen Militärregierung stehen einer Freigabe günstig gegenüber, da die Leitung des Hause ihre Direktiven nicht von einer militärischen, sondern von einer zivilen belgischen Organisation erhält, sind die Vorschläge der Stadtverwaltung und die Vermittlungsbemühungen der Militärregierung zurückgewiesen worden. Der von der Kolpingsfamilie nunmehr beschrittene Weg erscheint nach Lage der Dinge der einzig noch mögliche zu sein. Die Kolpingsfamilie kämpft keineswegs um materielle Vorteile, sondern um ihren eigenen Glauben an Vernunft und Recht. Die wiederholten Bemühungen entspringen der ernsten Sorge besonnener Kolpingsöhne, die in der Aufrechterhaltung der Beschlagnahme ein schwindendes Vertrauen zu den Werten der abendländischen Welt sehen.  

Indem Gesuch der Kolpingsfamilie gibt es keinen Unterschied der Kirchen, der Parteien und den Gewerkschaften. Sie alle haben die Notwendigkeit der Rückgabe dieses Hauses unterstrichen. Die Stadtverwaltung schließt sich den Ausführungen in der Eingabe in vollem Umfange an. Als verantwortungsbewußte Gestalterin der öffentlichen Dinge ist es ihr besonders daran gelegen, die religiösen, kulturellen und politischen Bedürfnisse ihrer Bürger auf das Beste zu regeln.  

Wir erheben daher an Eure Exzellenz die dringende Bitte, das Haus in die Hände der Kolpingsfamilie zurückzugeben, damit durch einen lebendigen Gedankenaustausch die christlichen Ideen in die Tat umgesetzt und zu neuen Formen gebracht werden können.

Mit dem Ausdruck ergebener Hochachtung  

Klasmeyer, Stadtdirektor  

 

Dieses Schreiben und Stellungnahmen weiterer Vereine und Institutionen wurden dem Hochwürdigsten Herrn, nachdem andere Gremien ohne Erfolg verhandelt und vermittelt hatten, zugeleitet: folgende Gruppen reklamieren das Haus.  

Kolpingsfamilie Neheim, Präses Karl Nolte
Stadt Neheim Hüsten, Stadtdirektor Klasmeyer
Pfarramt St. Johannes, Pfarrer Hellmann
Neusprachliches Gymnasium, Dr. Konrad Maria Krug
CDU Ortsgruppe Neheim Hüsten, Vorsitzender Cöppicus
Zentrum Neheim Hüsten, Vorsitzender Dr. Förster
IG Metall Verwaltungsstelle, Vorsitzender Papenheim
AG Kath. Vereine, Vorsitzender Hoffmann  

Darüber hinaus wurden weitere Schreiben als Anlage beigefügt:
Kolpingsfamilie Neheim an Kreiskommandanten Oberst Swayne
Kolpingsfamilie Neheim an Kardinalerzbischof von Köln Dr. Frings
Arbeitsgemeinschaft Sozialausschüsse der CDU an Ministerpräsident Karl Arnold
Kolpingsfarnilie Neheim an Erzbischöfliches Generalvikariat Paderborn  

Durchschrift der Eingabe an den Hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Alois Muench wurde nachstehenden aufgeführten Persönlichkeiten zugeleitet:
1. Seine Eminenz, den Hochwürdigsten Herrn Kardinal Erzbischof Dr. Frings, Köln
2. Seine Exzellenz, dem Hochwürdigsten Herrn Erzbischof Dr. Lorenz Jaeger, Paderbom
3. Seine Exzellenz, dem Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, Bonn
4. Dem Herrn Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein Westfalen, Karl Arnold, Düsseldorf
5. Dem Herrn Emährungsminister des Landes Nordrhein Westfalen als Abgeordneter des Landkreises Arnsberg Heinrich Lübke, Düsseldorf
6. Dem Herrn Landtagspräsidenten Oberbürgermeister Josef Gockel, Düsseldorf
7. Dem Herrn Generalpräses der kath. Gesellenvereine, Köln, Dr. Bernhard Ridder
8. Dem Herrn Generalpräses der kath. Arbeitervereine, Prälat Dr. Josef Schmidt
9. Dem Herrn Generalpräses der kath. Jugendvereine, Prälat Dr. Wolker, Altenberg.  

Anfang November 1949 reagierte die Kanzlei des Bischofs. Die Kolpingsfamilie wurde gebeten, einige weitere Unterlagen zur vollständigen Information nachzutragen. Dies, so wurde es im Handwerkerschutzverein beschlossen, sollte persönlich geschehen. Ohne Voranmeldung machten sich Mitte November Präses Vikar Nolte, Egon Papenkort und Hans Hoffmann auf den Weg nach Kronberg im Taunus, dem Amtssitz des Visitators. Die Enttäuschung war groß, Bischof Muench war nicht anwesend. Er war zu Besuch im Vatikan. Nach zwei stündiger Wartezeit wurde die Neheimer Delegation aber vom Sekretär des Bischofs, dem bekannten Jesuitenpater Ivo Zeiger, zum Gespräch empfangen. Zeiger ließ sich kurz informieren, verwies aber auf die schwierige Lage, die durch die Dreiteilung Westdeutschlands in Besatzungszonen entstanden sei. Er bemerkte, die Amerikaner legten sich ungern mit den Briten und die Briten ungern mit den Belgiern an, die das Haus schließlich unter Beschlag hielten. Immerhin, der Jesuit machte den drei Neheimern Hoffnung. Sicherlich werde der Visitator bei den zuständigen Stellen ein Wort einlegen.  

Nach nur drei Minuten fand sich die Delegation auf der Straße wieder kein Wunder, daß sie recht skeptisch ins Sauerland zurückfuhren.
Dennoch hofften die Neheimer darauf, daß es Ivo Zeiger, ein Mann mit hohen geistigen Fähigkeiten gelingen würde, die mißliche Lage mit wenigen Sätzen dem Bischof vor zutragen.  

Eine Hoffnung, die nicht getrogen hatte. Schon am 07. Dezember 1949 erhielt der Generalpräses der Kolpingsfamilie in Köln die Mitteilung aus der Kanzlei des Bischofs, daß die Freigabe des Neheimer Kolpinghauses nunmehr endgültig verfügt sei. Folgendes Schreiben des Generalpräses vom 08. Dezember 1949 ging ein.  

Sehr geehrter, hochwürdiger Präses Karl Nolte.
Soeben erhalte ich von seiner Exzellenz Bischof Muench die Mitteilung, daß das Kolpinghaus in Neheim freigegeben wird. Eine Abschrift des Schreibens lege ich Ihnen bei. Ich gratuliere Ihnen und der Kolpingsfamilie Neheim recht herzlich zu diesem schönen Erfolg und möchte Sie bitten, in einem entsprechenden Schreiben seiner Exzellenz für seine Bemühungen den Dank auszusprechen. Mit gleicher Post werde auch ich dem Hochwürdigsten Herrn danken.
 

Mit den besten Grüßen an Sie und Ihre Kolpingsfamilie und mit den besten Wünschen für das bevorstehende Weihnachtsfest  

Ihr Dr. Ridder, Generalpräses.  

 

Am 5. Januar 1950 wurde das Haus mit einem Festakt im überfüllten großen Saal seiner Bestimmung übergeben.  

Präses Nolte schreibt mit Datum vom 7.1.1950 an seine Exzellenz dem Hochwürdigsten Bischof Dr. Alois Muench, Kronberg im Taunus.  

Mit Dank erfüllter Freude und in tiefster Verehrung Eurer Exzellenz nahm am 5. Januar dieses Jahres die Bevölkerung der Stadt Neheim Hüsten, insbesondere die katholische Jugend, im überfüllten großen Saal des Kolpinghauses in Ne heim durch den Präses der örtlichen Kolpingsfamilie den Hochwürdigen Herrn Vikar Nolte das bis in jüngster Zeit durch die Besatzungsmacht beschlagnahmt gewesene Kolpinghaus wieder in Besitz.  

Einstimmig wurde in dieser Feierstunde der Wunsch geäußert, Eurer Exzellenz den Dank der gesamten Bevölkerung der Stadt Neheim Hüsten für Ihre erfolgreiche Vermittlung sowie der Freigabe des Hauses zu übermitteln. Aus dankerfüllten Herzen, verbunden mit einem innigen Gebet zu Gott Eurer Exzellenz noch ein langes, segensreiches Wirken zu erhalten. möchten wir uns auf diesem Wege den uns übertragenen Auftrag entledigen.  

Mit ergebendster Hochachtung Nolte, Präses der Kolpingsfamilie Neheim und Vorsitzender des Kath. Handwerkerschutzvereins.

 

[Quelle: Festschrift 100 Jahre Kolpinghaus Neheim 1895 - 1995]