Das Haus ist eine ewige Baustelle

Das Haus war schrecklich verwüstet und von fast allem Inventar beraubt, sogar der Holzboden des großen Saales war teilweise herausgerissen und verfeuert worden.  

Jetzt war Tatkraft und Organisationstalent gefordert. Der Verein, die Handwerkerschaft und die heimische Industrie waren bereit zu helfen. Die belgische Küche wurde zum kleinen Saal, heutigem Sängersaal, umgebaut. Das Haus erhielt durch Gemeinschaftsarbeit der Malerinnung einen neuen Innenanstrich, der Wirtschaftsbetrieb wurde sofort wieder aufgenommen, die Konzession, ging nach einem umfangreichen Verwaltungsverfahren mit Gutachten und Begründungen wieder an den Trägerverein über. Das Leben hier, wie im ganzen Land, normalisierte sich.  

Leider wurde der beliebte Präses Karl Nolte schon bald versetzt. In einer eindrucksvollen Feierstunde im überfüllten großen Saal wurde das Wirken des Scheidenden gewürdigt.

Vikar Wilhelm Staufenbiel wurde später als neuer Präses eingeführt, der dann die finanziellen und baulichen Probleme aktiv mithalf zu lösen.  

Im Sommer 1952 fanden Verhandlungen mit den Nachbarn Sievers statt, die dazu führten, daß das Miethaus gegen eine Neubauhälfte der Wiesenstraße getauscht wurde. Der Plan des Architekten Massmann sah einen grundlegenden und großzugigen Um und Ausbau mit drei Schwerpunkten vor:  

"Umbau Gaststätte, einschließlich des Bauwiches"
"Einbau von zwei Kegelbahnen im Kellergeschoß beider Häuser"
"Bau eines Jugendwohnheimes."  

Doch es ging so nicht, aus finanziellen Gründen. Für das Projekt Jugendwohnheim, wozu eine Aufstockung des Hauses Nr. 6 geplant war, waren keine öffentlichen Gelder in ausreichendem Maße zu erhalten.  

Daher beschränkte sich der Umbau auf die Gaststätte und den Einbau von zwei Kegelbahnen in den Kellern der Wohnhäuser Nr. 6 und 8. Trotzdem musste im Haus für den Kugelfang , ein Anbau von 4,0 X 2,2 Metern gebaut werden. In der Baubeschreibung der Gastwirtschaft führt der Architekt aus:  

"Im Erdgeschoß soll vorerst nur der Wirtschaftsraum umgebaut und der Bauwich ausgebaut werden. Durch Einbau von Unterzügen im Abstand von 2,2 m wird die vorhandene, in Raummitte stehende Stahlstütze, frei und wird ausgebaut, hierdurch wird ein vollkommen freier Raum geschaffen.  

Der Eingang, jetzt Mitte Raum gelegen, wird in den überbauten Bauwich verlegt.  

Die Fenster werden ausgebaut und durch Einbeziehung der alten Haustüröffnung durch neue und größere Fenster ersetzt.  

Außerdem ist ein Windfang vorgesehen. Die bestehenden Türöffnungen zum Saal werden ausgemauert.  

Der durch Ausbau des Bauwiches gewonnene Raum wird in den Wirtschaftsraum einbezogen und durch eine ca. 5m große Öffnung miteinander verbunden.  

In der Flucht des Windfanges in einer Tiefe von 1,5 m sind Einbaubänke in Nischen aufgeteilt vorgesehen. Die Nischen sind vom Wirtschaftsraum durch Halbkreisbogen auf Rundsäulen getrennt.  

Die Decke wird tiefergelegt, durch Balken unterteilt und die Felder erhalten eine untergehängte Rabitzdecke. In den so geschaffenen Hohlraum wird die Lüftung eingebaut.  

Eine Vertäfelung von ca. 80 cm Höhe ist geplant."  

Soweit also der offizielle Text des Antragsformulars.  

Damit war also die alte Gaststätte, von der unsere älteren Mitglieder heute noch sprechen, weg. Es entstand die jetzt noch vorhandene Gaststätte einschließlich Zunftstube. Sie zeugt vom hohen fachlichen Können der heimischen Meister und Gesellen.  

Ein noch größeres Bauvorhaben drängte sich bald auf In den Jahren 1957 und 1958 wurde die Saalsituation grundsätzlich geändert. Mit hohem Kostenaufwand wurde der große Saal unterkellert und die Toiletten nach unten verlegt. Die Decke des Saales wurde angehoben also die alten Spannelemente gegen eine Stahlkonstruktion ausgetauscht. Auch mußte die Bühne vorgezogen werden, so daß ein Orchestergraben entstand. Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt konnte eine neue Öl Warmluftheizung für den Saalbereich installiert werden. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch der rechte Nebensaal, heute Sauerlandsaal, angebaut.  

Übrigens wurde diese Baumaßnahme von der Stadt mit DM 70.000,00 Zuschuß und einem Darlehen von DM 100.000,00 begleitet und gefördert. Dies geschah vor dem Hintergrund der Volkshochschule, die dann bis 1979 ständiger Gast mit Theater, Konzert und anderen Bildungsveranstaltungen im Haus war. Das Darlehen wurde durch Anrechnung der Mieten, DM 100,00 pro Veranstaltung, verrechnet.  

Zwischenfall  

Von einem für unser heutiges politisches Verständnis unnötigem und peinlichen Zwischenfall aus dieser Zeit sollte noch berichtet werden. Die SPD Ortsgruppe Neheim, vertreten durch den Vorsitzenden Ernst König, richtet mit Datum vom 3.6.1958 folgendes Schreiben an den Handwerkerschutzvorstand:  

Die SPD Ortsgruppe Neheim, bittet Sie um Überlassung des Kolpinghaussaales für eine Wahlversammlung am 24. Juni dieses Jahres abends 20.00Uhr.  

Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie mir bis zum Wochenende Nachricht zukommen ließen, evtl. auch an unseren 2. Vorsitzenden.  

Hochachtungsvoll SPD Ortsgruppe Neheim  

Dies schlug in der Kolpingsfamille Wellen. Man muß aber die Zeit, das politische Umfeld und um die Gepflogenheiten wissen. Richtig ist aber auch, daß die SPD Fraktion sich für die Überlassung des Darlehens ausgesprochen hatte. Richtig muß auch wohl sein, daß das Mitglied des Schutzvorstandes und der CDU Fraktion Hans Hoffmann der SPD versprochen hatte, fortan auch das Haus für seine und seine Sääle benutzen zu dürfen.  

Dieses einseitige Versprechen konnte der Trägerverein nicht einhalten, denn es lag zwischenzeitlich der Kolpingsfamilie folgendes Schreiben vor die erfahren hatten, daß der Bundesvorsitzende und Oppositionsführer Erich Ollenhauer kommen würde. Der Vorstand der Kolpingsfamilie schreibt:  

Schon am 8.6.1958 konnte die SPD in einem Antwortschreiben des e. V. lesen:  

...teilen wir Ihnen mit, daß es leider nicht möglich ist Ihrem Wunsche zu entsprechen.  

Der Handwerkerschutzverein bedauert es, daß durch seinen Beauftragten, Herrn Hoffmann, gegebene Versprechen, in Zukunft allen im Stadtparlament vertretenen Parteien den Saal zur Verfügung zu stellen, nicht einhalten zu können. Der Handwerkerschutzverein ist in seiner Gesamtheit davon überzeugt, daß an dem Beschluß der Stadtvertretung, Mittel für den Umbau bereitzustellen, nicht zuletzt auch die Fraktion der SPD maßgeblich beteiligt ist, was uns zu besonderem Dank verpflichtet.

Leider sind wir durch die übergeordneten Stellen des Kolpingwerkes und des Verbandes der deutschen Kolpinghäuser, insbesondere durch einen Einspruch des Generalsekretariats der Kolpingsfamilie vom 24.7.1957 in unserer Eigenständigkeit behindert, alle politischen Veranstaltungen durchführen zu lassen.  

Wir bitten um Ihr Verständnis unsere Ablehnung nicht als einen unfreundlichen Akt unseres örtlichen Vereins anzusehen.  

Wir werden bemüht sein, die grundsätzliche Frage der Bereitstellung oder Vorenthaltung des Saales für alle politischen Parteien zu klären. Hochachtungsvoll  

Diese Klärung wollte Hans Hoffmann erbringen und schrieb an die renommierten Sozialtheologen:  

Prof, Dr. W. Schöllgen, Theologische Fakultät der Uni Bonn
Pater Dr. J. David, S.J., Kommende Dortmund
Prof. Pater Dr. Oswald von NellBreuning, Frankfurt
Was kam, waren Antworten, die nicht befriedigten und keiner Seite ausreichten.  

Die eigentliche Antwort kam von der SPD selbst. Erich Ollenhauer sprach im Apollo Theater und die offizielle 600 Jahr Feier der Stadt Neheim wurde auch im umgebauten Theater abgehalten Die SPD hatte darauf bestanden.  

Wenn wir uns jetzt wieder dem baulichen Lebenslauf des Hauses zuwenden wollen, müssen wir das Jahr 1959 nennen. Jetzt wurde das vollzogen, was 1952 aus finanziellen Gründen nicht möglich war. Im Hausnummer 6 wurde ein Arbeitnehmer Wohnheim eingerichtet. Mit viel Aufwand konnte das Haus in der Höhe angepaßt und ausgebaut werden. Noch größer allerdings war der schriftliche Aufwand, denn die Bundesanstalt für Arbeit gewährte letztlich ein Darlehen in Höhe von DM 37.500,00.  

Von 1960 bis 1985 benutzten dann zugezogene, ledige Arbeitnehmer die Räumlichkeiten als Wohnung und zum Aufenthalt. Viele Bewohner, besonders, wenn sie sich in die Gemeinschaft der Kolpingsfamille einbinden ließen, haben hier eine schöne Zeit verbracht und kommen öfter noch ins Haus.  

Als sich keine Bewerber mehr fanden, das Darlehen war zurückgezahlt, hat der Verein mit einem Aufwand von 70.000,00 DM die Etage zu Sozialwohnungen umgebaut.  

Die weiter bauliche Maßnahme, die auch eine Engpunkt im betriebswirtschaftlichen Ablauf war, wurde 1973 mit 130.000,00 DM beseitigt - eine neue, großzügige Küche wurde gebaut. Das Raumangebot ergab sich, in Verbindung mit der vorhandenen Küche durch das Haus Nummer 6. Nach modernsten Gesichtspunkten sowie den baulichen und behördlichen Vorschriften wurde eine großzügige und leistungsstarke Einrichtung geschaffen.  

Wir sind, lieber Leser dieser Vereins Chronik, fast in der Gegenwart angelangt. Denn viele wissen und kennen die Entwicklung der letzten Jahre aus eigener Anschauung, und einige haben diese mitgestaltet, so auch der Verfasser dieser Schrift, der vor 20 Jahren das Amt des Vorsitzenden übernommen und natürlich die Entscheidungen mit getragen und ausgeführt hat. Es ist daher für ihn nicht leicht, diese Zeit zu bewerten.

Vieles ist geschehen, was hier nicht beschrieben wurde. Präsides und Pächter haben gewechselt, allerdings nicht der Vorsitzender der Kolpingsfamille Bernd Kruse, der seit 1969 der Kolpingsfamille vorsteht.  

Bei allen Investitionen und Änderungen ging es darum, den Einklang zwischen Erfordernissen einerseits und Kontostand andererseits zu schaffen. Dies war nicht immer möglich, obwohl alle Pachten dem Haus direkt wieder zugeführt werden, so auch nicht in diesem jetzt beschrieben Fall.  

Die Kolpingsfamilie schickte sich an, ihre Feier des 100. Stiftungsfestes vorzubereiten. Dies war Anlaß, daß Haus zu renovieren. Gleichzeitig sollten Baumängel, Sicherheitseinrichtungen, Toilettenanlagen, Beleuchtung und Bestuhlung verbessert bzw. erneuert werden.  

Der Kostenvoranschlag belief sich auf 355.000,00 DM und überstieg damit die finanziellen Möglichkeiten des Vereins. Es wurden Kontakte zur Stadtverwaltung aufgenommen, die sich nach Verhandlungen, Angebotsabgaben, Überprüfungen, politischen Beratungen bereiterklärte zu helfen und für 300.000,00 DM den Zinsdienst für 25 Jahre zu übernehmen.  

In einer Abstimmung am 27. April 1978 wurde mehrheitlich der Plan angenommen. Es konnte gebaut werden.  

Rapide, monatlich sichtbar, verschlechterte sich in dieser Zeit die Erlössituation der Gastronomie. Der "e.V." bot dem damaligen Kastellan an, das Haus zu pachten. Man einigte sich teilweise, die Küche kam in die Regie des Kastellans.  

Ende 1978, Anfang 1979 war die Baumaßnahme abgeschlossen und die Kassenlage grausam. Als erste Maßnahme beschloß der Verein, das Kastellan in ein Pächterverhältnis umzuwandeln. Da der Inhaber dies nicht wollte, kam es zur Kündigung.  

Sicherlich ist dieser eingeschlagene Weg der Verpachtung richtig, doch die Inhaber der Gastronomie hatten es schwer, aus verschiedenen Gründen und mehrfach fand ein Wechsel statt.  

Da dies oftmals auch mit Verlusten für den Verein einherging und die Kosten des Umbaus statt 300.000,00 DM sich am Ende auf 400.000,00 DM beliefen, stand der Verein vor einem großen finanziellen Problem. Auch diesmal half die Stadt aber sie forderte auch (siehe nebenstehendes Schreiben der Stadt).  

Der Verein war und ist dankbar für die direkte Hilfe aber auch für die Anerkennung als Veranstaltungsund Kommunikationsstätte. Für die Bereitstellung dieser Möglichkeiten hat sich der Verein immer wieder verschuldet.  

Als ein Glücksfall ist die Einbindung eines Vertreters der Stadt in den Vorstand zu bezeichnen. Alle bisherigen Herren Streit, Heimann, Rahmann, haben zwar die Interessen der Stadt streng vertreten, den Verein aber auch wohlwollend beraten.  

Immer noch ist im Zusammenhang mit der Darlehensgewährung durch die Stadt die Forderung nach dem Verkauf einer Liegenschaft an der Wiesenstraße.  

Der Verein hat das Haus Wiesenstraße 19 für eine mäßige Preis an Privat verkaufen müssen , sozialer Wohnungsbau wurde dadurch vernichtet und dem höheren Mietspiel unterworfen, eine Bestandssicherung wäre auch ohne Verkauf möglich gewesen, denn alle Mieteinnahmen flossen den Gesamteinnahmen sowieso zu.  

Diese Bereinung hat der Kassenlage des Vereins natürlich bis heute geholfen. Es wurden auch keine neuen Darlehen mehr aufgenommen, allerdings auch keine großen Um und Ausbauten mehr getätigt. Dennoch auch in jüngster Zeit ist investiert worden. Kegelbahn, Außenarbeiten übrigens ist der neue Anstrich de . Hauses in Eigenarbeit und ehrenamlich von vier Kolpingmitgliedern durchgeführt worden , Dachsanierung, Heizungsumbau, Fenstererneuerung, Erstellung von Mietwohnungen und Renovierung der Gasstätte einschließlich Neuanschaffung einer modernen Thekenanlage.  

Dabei halfen dem Verein auch heimische Unternehmen und unsere Brauerei.  

Natürlich wissen wir, daß noch einiges, bzw. viel zu tun ist. Die Umgestaltung der Gaststätte ist geplant, die Schaffung neuer Toilettenanlagen beschlossen. Als zweckmäßg kristallisiert sich die Umgestaltung des garderobenbereiches zu einem Mehrzweckraum.  

Die Frage der Möglichkeit, den Sängersaal selbst bewirtschaften zu können, muß diskutiert werden.  

Immer noch nicht abgefunden hat sich der Verein mit der Stillegeung des Saalkellers. Die Wirtschaftlichkeit und finanzielle Machbarkeit aller Projekte steht jedoch im Vordergrund. Hierfür bittet der Verein auch um das Verständnis der Gäste.  

Bei allen anderen Fragen z. B. der Vermietung einzelner Räume, Verpachtung ganzer Einheiten, Nutzungsänderungen einzelner oder kompletter Flächen müssen im Einklang mit dem jeweiligen Pächter, der Stadt und den Vereinen besprochen und bedacht werden. Der Verein möchte eigentlich das Kolpinghaus in seiner jetzigen Struktur erhalten denn Kolpinghäuser sind weniger wirtschaftlicher Objekte als vielmehr Kommunikationsstätten mit weltanschaulichem Hintergrund.

 

[Quelle: Festschrift 100 Jahre Kolpinghaus Neheim 1895 - 1995]