Das Vereinshaus erhält seinen kirchlichen Segen

Am 19. März 1895, am Namensfest des hl. Joseph, der Schutzpatron des Hauses ist, konnte der erste Spatenstich erfolgen und Anfang Juni waren die Arbeiten so weit gediehen, daß das Richtfest gefeiert werden konnte.  

Dann, Anfang Oktober, berichtete die "Neheimer Zeitung": "Am nächsten Sonntag, 13. Oktober 1895 findet die Einweihung des neuen Gesellenhauses statt."

Über die Feier selbst schreibt dann die Zeitung: "Es war ein großartiger Feststag, welche der hiesigen Bürgerschaft, besonders aber den Mitgliedern des Gesellenvereins immer denkwürdig sein wird. Die kirchliche Einweihung des neuen Vereinshauses nahm Herr Pfarrer Dr. Balkenohl vormittags ½ 12 Uhr vor, indem er dieselbe mit einer kurzen Ansprache einleitete, darauf hinweisend, daß an Gottes Segen alles gelegen sei, und wenn der Herr das Haus nicht baue, die Bauleute vergebens arbeiteten, den Wunsch anknüpfend, daß dieses Haus der Jugend stets eine Stätte sein möge, in der die christlichen Tugenden gelehrt und geübt würden. 

Nachmittags 2 Uhr fand unter Beteiligung der auswärtigen Vereine eine Dankandacht mit Predigt statt. In Überzeugender Rede verbreitete sich Herr Kaplan Hermesmeyer über die Würde der Arbeit, zeigend wie dieselbe durch die Religion geheiligt und geadelt wurde, und jeder Arbeiter im hl. Joseph sein Vorbild suchen müsse. "

Um ½ 4 Uhr fanden sich die Vereine beim alten Vereinslokal ein, um für den Festzug Aufstellung zu nehmen. Voran maschierte die Musik, dann die Vereine und Deputationen von Hüsten, Arnsberg, Meschede, Warstein, Soest, Werl, Unna, Menden, Letmathe, Bochum; hierauf die zweite Musikkapelle und sämtliche hiesigen Vereine, den Schluß bildete ein großartiger Handwerkerzug.  

Derselbe wurde eröffnet durch die Schuhmacher; in ihrer Mitte bewegte sich ein großer Stiefel scheinbar von selbst auf der Straße fort. Hierauf folgten die Bäcker mit zwei Fahnen von Brezeln, zwei Reiter in Bäckerkleidung und einem mit Erzeugnissen der Bäckerei reich dekorierten Wagen, auf dem sich eine vollständige Bäckerei befand. Die Stellmacher trugen ein großes Wagenrad, welches mit den Handwerkszeugen dieses Handwerks verziert war. Hieran schloß sich der blumengekrönte Wagen der Gärtner an, von dem herab die Gärtner duftende Sträußchen verteilten. Dann folgte die Gruppe der Schmiede. Auf ihrem Wagen war eine vollständige Schmiede hergerichtet, in der fünf Gesellen und Lehrlinge mit ernster Arbeit beschäftigt waren. Die Uhrmacher trugen in ihrer Mitte eine große Uhr. Auf dem Wagen der Maurer, der jetzt folgte, stand ein schmuckes Wohnhäuschen, an welchem acht Gesellen mit Ausfugen beschäftigt waren. Die Sattler schlossen sich an mit einem ausgestopften, fein geschirrten Pferde, einem Sessel, einer Fensterdekoration und zwei Reiter in Rittertracht. Die Schlossergesellen trugen einen mächtigen Schlüssel und fuhren auf einem Wagen ein riesiges Vorhängeschloß. Die Zimmerleute hatten auf ihrem Wagen eine Kirche und waren während des Zuges mitdemAufrichten des Daches beschäftigt, während die Schieferdecker an einem Turm die Schiefersteine befestigten. Die Sägemüller folgten mit einem mächtigen Eichenstamme und waren im Begriff, denselben zu zersägen. Die Buchbinder fuhren ein mächtiges Liederbuch für Gesellen. Die Metzger führten vier fette Kühe, ein Wagen fetter Hämmel und ein anderer mit Fleischwaren und Würsten aller Art beladen und sinnreich verziert, folgten. Die Drechsler trugen eine gewaltige Pfeife, die Zigarrenmacher als paffendes Pendant dazu eine Riesenzigarre. Sehr stattlich nahm sich der jetzt folgende Wagen der Schreiner aus, auf welchem eine Schreinerwerkstatt eingerichtet war, eine Fahne, aus Hobelspänen kunstreich gewoben, wurde voraufgetragen. Die Müller hatten auf ihrem Wagen eine Mühle aufgebaut, welche lustig klapperte. Die Kupferschmiede machten bei ihrer Arbeit an einem großen Kessel einen Heidenlärm. Es folgte nun die Gruppe der Anstreicher und Maler; auf großem mit allerlei Erzeugnissen ihrer Kunst dekoriertem Wagen übten Gesellen und Lehrlinge ihre Tätigkeit aus. Das Klempnerhandwerk war in Gestalt einer großen Gieskanne vertreten. Den Schluß des Zuges bildete ein Schornsteinfeger, der einen Schimmel ritt.  

Gegen 5 Uhr langte der Zug im Gesellenhause an; ungeheuer groß war der Zudrang, sodaß sich die ausgedehnten Räume des Gesellenhauses als viel zu klein erwiesen. Die Feier im Saale wurde eröffnet durch den Krönungsmarsch aus der Oper "Die Volkunger "von Wagner, worauf der Gesangverein "Cäcilia" den Chor "Laß Jehovah hoch erheben" zum Vortrag brachte. Nachdem dann die Ouvertüre zur Oper "Martha" verklungen war, bestieg der Präses des Gesellenvereins, Herr Rektor Busch, die Rednerbühne, um Gästen und Ehrengästen, den auswärtigen wie den einheimischen Vereinen ein herzliches Willkommen entgegenzurufen und Dank auszusprechen allen, die durch Rat und Tat geholfen haben, den Bau in so kurzer Zeit zur Vollendung zuführen. Sein Hoch galt den beiden höchsten Repräsentanten der geistlichen und weltlichen Macht, Seiner Heiligkeit Papst Leo XIII. und Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. Nach dem Gesangvortrage des Gesangvereins "Westfalia": "Ich suche Dich" von C. Kreutzer und einen Violinsolo des Herrn C. Schmidt sprach der Senior des Gesellenvereins, Herr Strucken, einen Prolog. Nach einem weiteren Orchesterstück hielt Herr Pfarrer Dr. Balkenohl die Festrede. Der Redner gibt zunächst der Freude Ausdruck über das wohlgelungene Gesellenhaus, welches ebenso fern von ungeziemender Opulenz als von beengender Dürftigkeit sei undspricht den Wunsch aus, das Haus möge nicht nur für die Gesellen, sondern auch für die anderen katholischen Vereine eine Heimstätte werden; dann kommt der Redner zu seinem eigentlichen Thema, indem er die Bedeutung und die Prinzipien der Gesellenvereine feiert. Nach Gessangvorträgen der Sodalität und des Kriegergesangvereins nahm Herr Bürgermeister Brüning zu einer markigen Ansprache das Wort, indem er die Eintracht unter den hiesigen Veinen feierte. Sein Hoch galt dem Handwerkerstande Neheims. Im weiteren Verlaufe der Festfeier redete noch Herr Kaplan Hagemann, Präses des Arnsberger Vereins, namens der auswärtigen Vereine Glückwünschend zum neuen Heim und dankend für die dargebotenen frohen Stunden. Der Präses des Hüstener Gesellenvereins lud schon jetzt zu der im nächsten Jahre stattfindenden Einweihung des Gesellenhauses in Hüsten ein. Der Abend wurde durch humoristische Vorträge und Musikstücke der hiesigen Kapelle ausgefüllt.  

Soweit die Berichterstattung über die feierliche Einweihung.  

Noch im Dezember des Jahres 1895 konnte im Hof in einem für diesen Zweck erbautem Fachwerkgebäude eine Kegelbahn im Betrieb genommen werden.  

Die Freude der Neheimer Vereine war groß, hatten sie doch jetzt für ihre Aktivitäten ein entsprechendes Raumangebot und der Gesellenverein, der ja die finanzielle Last alleine tragen mußte, ein ständiges Problem.  

Die Größe des Gesellenhauses entsprach grundsätzlich dem Haus Kapellenstraße 8, jedoch mit verkürztem Saal und natürlich ohne Nebensäle. Die Zeichnung gibt das Raumangebot im Erdgeschoß wieder. Im 1.Obergeschoß war dann der Vereinssaal, ein Vereins und Vorstandszimmer sowie die Damentoilette zu finden. Im 2. Obergeschoß wurden einige Mansardenzimmer für "wandernde Gesellen" ausgebaut.  

Nach dem noch vorhandenen Abrechnungsbuch ist das Haus mit nur 142 Buchungen verrechnet worden und hat genau 52.250,96 Mark gekostet. Viel Geld für damalige Zeiten, zumal es um ca. 15.000,00 Mark teurer geworden war, und alles über Darlehen finanziert werden mußte. Die Aufwendungen für diese Zins- und Tilgungszahlungen haben das Haus in den folgenden Jahren stets belastet und oft kontinuierliche Investitionen verhindert.  

Dennoch mußte im Jahre 1900 ein weiteres Darlehnen aufgenommen werden. Der Ruf nach "mehr Licht" kam auf. Also wurde erstmals elektrisches Licht angelegt, 17 Glühlampen und zwei Bogenlampen. Für das entsprechende Darlehen bürgten heimische Unternehmer. Übrigens betrugen im Jahre 1902 die Zahlungen an das "Elektrische Werk" 38,34 Mark.  

Obwohl das heutige Bühnenhaus noch nicht vorhanden war, eine kleinere Bühne befand sich am Ende des großen Saales, wurde um die große Theaterkonzession nachgesucht und auch erteilt. Die Theaterabteilung des Gesellenvereins wurde dann 1904 offiziell gegründet.  

Zu dieser Zeit wurde auch der bis heute bestehende Trägerverein neu gegründet.  

 

[Quelle: Festschrift 100 Jahre Kolpinghaus Neheim 1895 - 1995]