Das schwere Schiff Kolpinghaus in stürmischen Zeiten

Eine durchgehende Änderung der wirtschaftlichen Lage des Gesellenhauses trat in den 20er Jahren erst ein, als der Pachtvertrag mit dem Kastellan gekündigt wurde und der Präses die Verwaltung des Wirtschaftsbetriebes selbst übernahm. An Stelle des Wirtschaftspächters wurde am 1. April 1921 ein Hausmeister angestellt. Diese Umstellung des Wirtschaftsbetriebes erwies sich als sehr zweckmäßig. Der Präses hinterließ am 1. Mai 1927 seinem Nachfolger Herrn Vikar Wilhelm das Haus schuldenfrei.  

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren wirtschaftlich wie politisch wohl die schwersten: Verlorener Weltkrieg, Reparationen, Inflation und Massen Arbeitslosigkeit hatten ein ganzes Volk arm gemacht.
Besonders die Inflation hatte zunächst verherende Auswirkungen. Das Rechnungsbuch des Gesellenhaus weist zum Jahresende 1923 einen Umsatz von 1 376 409 433 802 022 Mark aus.  

Die Inflation hatte es aber auch möglich gemacht, das Haus schuldenfrei zu machen. Die eingetragenen Belastungen konnten zurückgezahlt und beim Amtsgericht gelöscht werden. Das war natürlich nur rechtlich in Ordnung. So muß dies wohl auch der Schutzvorstand gesehen haben und hat einen privaten Darlehnsgeber mit folgendem Brief vom 11.6.1928, der auch die Situation beschreibt, einen Ausgleich angeboten.

Sehr geehrter Herr Geheimrat!  

Auf unserem Gesellenhaus stand eine Friedenshypothek von 12. 000, 00 Mark, eingetragen auf die Eheleute Landgerichtsdirektor i. R. Josef Müller und Alwine geb. Pfeiffer. Wir haben die Aufwertungshypothek schon vorzeitig mit allen Zinsen an Sie zurückgezahlt, worüber Sie uns unter dem 4. März 1927 quittierten. Damit haben wir unsere rechtlichen "Verpflichtungen " erfüllt.  

Wenn nun auch für uns keine rechtlichen Verpflichtungen Ihnen gegenüber bestehen, möchten wir uns doch aus Gründen der Billigkeit und Dankbarkeit bereiterklären, die Aufwertung der früheren Hypothek noch zu erhöhen. Wohl haben unsere Gesellen und Handwerker durch die Inflation auch viel Geld verloren, wohl haben wir bereits 3. 000, 00 Mark neue Schulden auf dem Gesellenhaus, wohl sind die Aufgaben und Anforderungen des Hauses gegen früher bedeutend gestiegen, da alle katholischen Vereine der großen Gemeinde das Haus benutzen das Haus befand sich bis vor Jahresfrist wegen der hohen Schulden in einem geradezu trostlosen Zustand und jetzt bedarf es noch in vielen Teilen der Erneuerung und Erweiterung, trotz alledem möchten wir Ihnen in dankbarer Anerkennung eine höhere Aufwertung anbieten. Wir bitten Sie ergebenst uns einen Vorschlag machen zu wollen, der einerseits Ihren Wünschen entspricht und andererseits, wenn wir bitten dürfen, unsere Verhältnisse und die sozialen Aufgaben des Gesellenvereins berücksichtigt. Indem wir Ihrer geschätzten Antwort entgegensehen verbleiben wir mit treuem Kolpinggruß und vorzüglicher Hochachtung.  

Die Antwort kam schnell und war entsprechend:

Sehr geehrter Herr Vikar!

Ihr Brief vom 11. Juni hat mich herzlich gefreut, da er mir beweist, daß in den Kreisen der Neheimer Handwerker der Sinn für Recht und Billigkeit stets hochgehalten wird. Ich danke Ihnen und den ganzen Vereinen dafür aufrichtig. Was nun den Prozentsatz der Aufwertung betrifft, so dürften vielleicht 45 Prozent Gesamtaufwertung angemessen sein, oder wenn es möglich ist 50 Prozent. Ich bitte meinen Vorschlag zu prüfen und auch wegen der Zahlung Ihrerseits Vorschläge zu machen.  

Da es weitere Dankbriefe gibt, ist davon auszugehen, daß das Geschäft auch so vollzogen wurde.  

Da Präses Bönisch das Haus 1927 an Präses Wilhelm schuldenfrei übergeben konnte, wurden Bau und Reparaturmaßnahmen möglich. Zunächst wurde das Innere des Hauses instand gesetzt, die Wirtschaftsräume renoviert und eine Zentralheizung angelegt.  

Doch man dachte weiter. Für das Jahr 1929, dem 50. Jahre der Vereinsgründung sollte ein Erweiterungsbau fertiggestellt sein. Man plante die Vergrößerung der Wirtschaftsräume, Anbau einer Toilettenanlage und einer Hausmeisterwohnung, Verlängerung des großen Saales einschließlich des Bühnenhauses und Bau eines Ledigenheimes.  

Aber alles mußte auch finanziert werden. Nachdem die Landesversicherungsanstalt Westfalen "ein Darlehen von 16.000,00 Reichsmark gegen Eintragung als Goldmarkhypothek an erster Stelle zur Verfügung" gestellt hatte, beantragte der Verein mit Schreiben vom 13.2.1929 vom Magistrat der Stadt Neheim ebenfalls ein Darlehen über 30.000,00 Mark.  

"Betrifft Gesuch um Bewährung von Baukapitalien aus dem Hauszinssteuerfond und dem Baufänd der Stadt.  

Der Katholische Handwerkerschutzverein Neheim beabsichtigt, sobald wie möglich bei Eintritt milderer Witterung mit dem Erweiterungsbau des Gesellenhauses zu beginnen.

Der Erweiterungsbau soll dienen:
1. Dem Ausbau der wirtschaftlichen und sanitären Anlagen des Hauses, die den gesteigerten Anforderungen des Betriebes nicht mehr genügen.
2. Zur Schaffung einer Hausmeisterwohnung, die bisher ganz fehlt - die Familie des Hausmeisters (4 Personen) hat nur ein Zimmer.
3.Zur Einrichtung eines Ledigenheimes, um der Wohnungsnot der Gesellen abzuhelfen.

Die vorliegenden Aufgaben sind so dringend, daß sie nicht mehr zurückgestellt werden können. Die Familie des Hausmeisters ist in Folge der beschränkten Wohnungsverhältnisse oft von Krankheiten heimgesucht. Wenn wir die geplante Wohnung nicht bauen, müßte der Hausmeister eine andere Wohnung in der Stadt suchen.  

Wenn wir das Ledigenheim nicht schaffen, müssen wir alle zuziehenden Fabrikhandwerker, die im Gesellenhaus Wohnung suchen, abweisen. Diese sind dann gezwungen, die Gastwirtschaft oder meistens bei armen Familien, die auf Kostgänger angewiesen sind, Wohnung zu nehmen und verschärfen die bei diesen Familien herschende Wohnungsnot noch mehr zum Teil erhalten Sie nicht einmal ein eigenes Bett.  

Zur Beseitigung dieser genannten Notstände bittet der Handwerkerschutzvorstand den Magistrat der Stadt Neheim durch Bereitstellung von Baukapitalien aus dem Hauszinssteuerfond und Baufond den Erweiterungsbau des Gesellenhauses zu unterstützen  

Die Baukosten betragen 50.000,00 Mark  

Von der Landesversicherungsanstalt erste Hypothek 16.000,00 Mark.
Hauszinssteuer wenigstens 4.000,00 Mark,
Rest aus den Baufonds der Stadt nach Möglichkeit 30.000,00 Mark,

Die Darlehen sind sichergestellt durch das vorhandene schuldenfreie Vermögen an Grund und Gebäuden von wenigstens 70.000,00 Mark.  

Die Baupläne liegen bereits dem Bauamt der Stadt Neheim vor. Wir bitten den Magistrat der Stadt Neheim möglichst bald über unseren Antrag entscheiden zu sollen, damit wir im Frühjahr mit den Bauarbeiten beginnen können.
Der Katholische Handwerkerschutzvorstand."  

Es müssen dann wohl Gespräche über Mitbestimmungsrechte geführt worden sein, denn am 18.4 schreibt der Verein an die Stadt u.a.  

"Der Magistrat richtet an uns die Anfrage, ob wir bereit wären der Stadt Neheim ein Mitbestimmungsrecht über den erweiterten Gesellenhaussaal einzuräumen, für den Fall, daß die Stadt Neheim die von der Sparkasse der Stadt Neheim bewilligten 30. 000, 00 Mark auf dem Anleihewege uns als Hypothek uns zur Verfügung stellt. "  

Der Handwerkerschutzvorstand hat daraufhin folgenden Beschluß gefaßt:
"Satzungsgemäß liegt die Verwaltung des Gesellenhauses in Händen des Handwerkerschutzvorstandes. Eine Übertragung irgendwelcher Rechte auf das Haus und seine Verwaltung also auch die Einräumung eines Mitbestimmungsrechts ist satzungsgemäß ausgeschlossen.  

Wir sind bereit, Anträge der Stadt auf mietweise Überlassung des Gesellenhaussaales zu bestimmten Veranstaltungen in wohlwollender Weise zu prüfen und den Anträgen nach Möglichkeit zu entsprechen. "  

Dennoch am 2. Mai 1929 bewilligt die Stadt den Antrag, doch sie stellt Bedingungen.

Leider können wir es heute nicht mehr bewerten, aber der Verein lehnt ab, er will weiterhin mit entscheiden, wer und was im Haus veranstaltet wird, obwohl die Sparkasse den Vertrag bereits vorbereitet hat.  

Schon am anderen Tag, 3. Mai 1929, stellt der Katholische Handwerkerschutzverein an den Kirchenvorstand der kath. Pfarrgemeinde in Neheim z.Hd. des Herrn Vorsitzenden Hochwürden Herrn Dechant Müthing ein Gesuch zur Übernahme der Bürgschaft für eine zweite Hypothek von 30.000,00 Mark für den Erweiterungsbau des Gesellenhauses mit folgendem Text:  

"Der Katholische Handwerkerschutzverein beabsichtigt das Gesellenhaus durch einen Erweiterungsbau zu vergrößern, um die dringend notwendig gewordenen Räume zu schaffen. Es soll eine Hausmeisterwohnung von 4 Zimmern geschaffen werden; gleichzeitig soll die Küche vergrößert und eine Klosetanlage gebaut werden. Im Dachgeschoß sollen Unterkünfte für durchwandernde Handwerker und ein Ledigenheim für zureisende Handwerker geschaffen werden.  

Für diese Zwecke hat die Landesversicherungsanstalt Westfalen als erste Hypothek 16. 000, 00 Mark zur Verfügung gestellt. Für die Hausmeisterwohnung sind 4. 000, 00 Mark Hauszinssteuer gewährt. Von Seiten der Stadt Neheim waren keine Gelder zu erhalten.  

Mit dem genannten Erweiterungsbau des Hauses soll auch der Saal um 10 Meter verlängert werden.  

Die Gesamtkosten des Neubaus belaufen sich auf 50.000,00 Mark. Es bleiben mithin noch 30. 000, 00 Mark zu beschaffen. Die Sparkasse der Stadt Neheim hat dieses Geld auf dem Anleihewege dem Katholischen Handwerkerschutzverein zur Verfügung gestellt. Leider sind die diesbezüglichen Verhandlungen mit dem Magistrat endgültig gescheitert, nachdem der Magistrat am 30. April 1929 den Beschluß gefaßt hat:  

"Der Antrag des Handwerkerschutzvereins auf Überlassung eines Baudarlehns von 30. 000, 00 Mark wird zu den Selbstkostenzinsen genehmigt unter der Bedingung, daß die Beschlüsse der Theaterkommission ohne Genehmigung des Schutzvorstandes zur Durchführung gelangen."  

Es war dem Katholischen Handwerkerschutzverein nicht möglich diese Bedingung des Magistrats anzunehmen, ohne den katholischen Charakter des Gesellenhauses preis zugeben. "  

In der Vergangenheit ist es wiederholt vorgekommen, daß starke Differenzen des Katholischen Handwerkerschutzvorstandes und der Theaterkommission des Städtebundtheaters entstanden. Bisher konnte der Katholische Handwerkerschutzvorstand die Aufführung von Stücken die gegen die katholischen Grundsätze verstießen, verhindern. In Arnsberg mußte sogar die Stadtverordnetenversammlung gegen die Beschlüsse der Theaterkommission Stellung nehmen.  

Nach diesen Vorgängen ist es dem Handwerkerschutzvorstand unter keinen Umständen möglich, dieser Theaterkommission das von dem Magistrat geforderte Verfügungsrecht für den Gesellenhaussaal einzuräumen.  

Da die Sparkasse der Stadt Neheim satzungsgemäß die Bürgschaft einer größeren Körperschaft für die zweite Hypothek von 30.000,00 Mark verlangt, bittet der Katholische Handwerkerschutzverein den katholischen Kirchenvorstand die geforderte Bürgschaft übernehmen zu wollen, damit die dringend notwendig erweiterung des Gesellenhauses nicht an der Haltung des Magistrats scheitern muß. Das vorhandene, schuldenfreie Vermögen an Grund und Gebäuden beträgt 64.000,00 Mark (Einheitswertbescheid des Finanzamtes von 1928). Es kommen hinzu an Neubauten 50.000,00 Mark.  

Das Gesamtobjekt hat also einen Wert von 1. 14.000,00 Mark. An erster Stelle steht in Zukunft eine Hypothek von 16.000,00 Mark, so daß die zweite Hypothek von 30.000,00 Mark vollständig gesichert ist.  

Das Gesellenhaus hat bisher viele Veranstaltungen der kath. Vereine aufgenommen. Nach Erweiterung des Hauses wird dieses in noch größerem Maße möglich sein. Auch die durchwandernden und zureisenden Mitglieder des kath. Jünglings- und Jungmänner Verbandes können in Zukunft in das Gesellenhaus aufgenommen werden.  

Die Verzinsung und Amortisation des Baudarlehns ist durch die Einnahme des Vereins, den Mitgliederbeiträgen und Ehrenmitgliederbeiträgen und Einnahmen der Wirtschaftskasse sichergestellt. Wir bitten deshalb nochmals den kath. Kirchenvorstand im Interesse der ganzen Gemeinde durch Übernahme der Bürgschaft für die zweite Hypothek den Erweiterungsbau des Gesellenhauses zu ermöglichen."  

Da die Mittel also von der Stadt nicht bewilligt wurden, konnte der Plan so nicht durchgeführt werden. Auf das Ledigenheim wurde verzichtet. Gebaut wurde die Toilettenanlage, die Entwässerung zur Ringstraße, eine größere Küche und die Pächterwohnung im ersten Obergeschoß. Das wichtigste und größte Bauvorhaben wurde verwirklicht: der große Saal wurde verlängert und ein eigenes Bühnenhaus, so wie es jetzt noch vorhanden ist, gebaut.  

Diese Bauarbeiten, die mehr kosteten als veranschlagt, wurden vom Architekten P. Wiehl, Hagen betreut und von Neheimer Handwerkern ausgeführt

 

[Quelle: Festschrift 100 Jahre Kolpinghaus Neheim 1895 - 1995]