Ein Gesellenhaus für die Stadt Neheim wird geplant

Die Geschichte des Kolpinghauses Neheim beginnt natürlich mit der Person Adolph Kolpings und seinem Werk.

Schon 1852 verfaßte Kolping eine Broschüre "Für ein Gesellen Hospizium" und schilderte hier in ergreifenden Worten "das Elend der von der Heimat weit entfernten, dem Meisterhaus entfremdeten, der Verwahrlosung und Verführung auf den Herbergen schutzlos preisgegebenen armen Handwerksburschen, denen er zunächst in Köln, dann auch anderswo ein eigenes Haus für Unterkunft, Bildung und Geselligkeit erstellen will."

Am 08. Mai 1853 zieht der Kölner Verein in sein neues Haus auf der Breitestraße und bot damit den Gesellen "Heimat in der Fremde"; die Geschichte der Gesellenhäuser beginnt.  

In Neheim sollte es noch etwas länger dauern. Obwohl schon 1880, also nur ein Jahr nach der Gründung des Vereins, ein "Schutzvorstand" zur Erbauung eines Gesellenhauses gebildet wurde und in der Gaststätte Rüther (Ecke Möhnestraße/Apothekerstraße) tagte, kam es zu keinem Ergebnis. Die Notwendigkeit aber auch die Möglichkeiten wurden noch nicht gesehen. Der Schutzvorstand löste sich auf.

Erst gegen 1892 gibt es wieder Bemühungen einen geeigneten Bauplatz für das zu erbauende Gesellenhaus zu finden. Es wurde dann das jetzige Grundstück an der Kapellenstraße durch Präses Wurm gekauft und auf den Namen des neuen Präses Mündelein eingetragen. Der Standort jedoch muß umstritten gewesen sein, denn in der Chronik von 1904 wird berichtet.

"Jetzt, wo wir die Entwicklung der Dinge in Neheim überschauen, müssen wir gestehen. daß von alle in Frage kommenden Plätzen der ungünstigste gewählt wurde. Da die Rentabilität des Hauses auf den Betrieb einer öffentlichen Wirtschaft gegründet werden mußte, so wäre sein richtiger Platz an einer Verkehrsreichen Straße gewesen. Und tatsächlich wäre ein günstigerer Platz gekauft worden, wenn nicht der Verkäufer, nachdem bereits mündlich der Kaufkontrakt abgeschlossen war, den Platz für wenige lumpige Mark mehr an einen anderen verkauft hätte. Auch der wirklich gekaufte Platz war damals nicht so ungünstig wie heute. Wer konnte ahnen, daß die projektierte Kapellenstraße nicht würde ausgebaut werden, daß die Stadtverwaltung gestatten würde, dieselbe durch Anlage eines Parkes zu einer Sackgasse zu machen. Doch jetzt ist an der Sache nichts mehr zu ändern. Eine Schuld trifft die damaligen Leiter des Gesellenvereins in keiner Weise, und diejenigen, welche jetzt so viel gegen den Platz einzuwenden haben, hätten besser getan, wenn sie damals ihre Bedenken vorgetragen hätten, jetzt kann man nur dadurch nützen, daß man das Gesellenhaus unterstützt."

Nachfolger von Präses Mündelein, der Ostern 1894 Neheim verließ, wurde Präses Rektor Busch. Ihm sollte die Ehre zufallen, Erbauer des Gesellenhauses zu werden. Aber wer jemals gebaut hat, weiß welche Last Sorgen und Ärger, zumal wenn man ohne ausreichendes Geld baut, mit dieser Aufgabe verbunden ist. Präses Busch hat diese Aufgabe mit viel Geschick, aber auch mit viel Arbeit und Geduld erledigt.

Zwei wesentliche Gründe waren es, warum das Haus gebaut wurde, der entscheidenste: der damalige Diözesanpräses Probst und Dompfarrer in Minden Wilhelm Bergmann, ein engagierter Präses, der dem westfälischen Teil der Diözese mit 42 Vereinen und 22 eigenen Gesellenhäusern vorstand, der mit viel Kraft die notwendigen Kolpingdinge in der Diözese vorantrieb, besuchte am 29. Juli 1894 Neheim. In der Versammlung bei Freitag (Burgstraße) erklärte er zunächst "Ohne eine hinreichende Summe Geldes kann man an einen Gesellenhausbau nicht herantreten". Doch am anderen Morgen beim Abschied sagte er dem Präses Rektor Busch: "Herr Präses, ich erwarte, daß in 1 1/2 Jahren das Haus steht. Ich habe mich überzeugt, daß die Begeisterung für dasselbe sehr groß ist und sehe ein, daß es bei den hiesigen Verhältnissen notwendig ist."

Der zweite Grund steht ebenfalls in der Chronik von 1904. Dort heißt es: Es lag an den Zeitverhältnissen. Der Aufschwung der Industrie brachte ein bislang unbekanntes Gewächs nach Neheim: eine sozial demokratische Vereinigung. Das Fehlen eines katholischen Vereinshauses als Sammelpunkt des katholischen Lebens wurde dadurch sehr fühlbar. Die kirchlichen Vertreter und die Vereinsvorstände forderten den Verein auf in dieser Richtung aktiv zu werden. Die Parole lautete: "Kein anderer Verein ist berufen und in der Lage ein solches Haus zu bauen, als der Gesellenverein"

Da ja auch der Verein selbst für seine Aktivitäten Versammlungen, berufliche Fachkurse, Theaterspiel, Gesangsproben geeignete Räume brauchte, erklärte sich Präses Rektor Busch bereit, ein Gesellenhaus zu bauen.

Sofort und unverdrossen ging er an die Vorarbeiten, Neuwahl eines Schutzvorstandes, Wahl des Kreisbaumeisters Ebert aus Arnsberg zum Bauleiter, Zeichnen der Baupläne, Beschaffung der Baugelder. Hierbei gab es schon große Sorgen. Die städt. Sparkasse bewilligte trotz der Taxe des gerichtlichen Taxators von 64.000,00 Mark nur 25 000,00 Mark, Schuhmachermeister Heimann übernahm dann die zweite Hypothek von 12.000,00 Mark und konnte daher sein Haus auf der Hauptstraße erst ein Jahr später bauen, die Brauerei Ohm & Kleine in Lippstadt die dritte ebenfalls mit 12.000,00 Mark. Später lieh die Brauerei noch 2.000,00 Mark auf Handschein.

Mit diesen Vorarbeiten verging der Winter 1894/95. Dann, am 14.03.1895 konnte man im "Central Volksblatt" unter Lokales lesen: "Die vor einiger Zeit angekündigte Projektierungszeichnung zu dem neuen katholischen Vereinshaus an der Kapellenstraße liegen nebst den Bedingungen, Inhalts und Kostenberechnung bis Freitagabend 5.00 Uhr in der Wohnung des Herrn Rektors zur Einsicht der Unternehmer offen. Der Termin für die Einreichung der schriftlichen Offerten ist auf Samstagmorgen 10. 00 Uhr im Hotel Egen angesetzt. Die einzelnen Zeichnungen sind augenscheinlich mit Fleiß und großer Sorgfalt angefertigt; ins besondere die im Renaissancestil gehaltene Fassade mit dem Bilde des Schutzpatrons der Gesellenvereine im Giebel eines vorspringenden Erkers macht einen wohltuhenden Eindruck auf den Beschauer. Ohne Überladung mit archtektonischen, Schmuck wird das Gebäude bedeutend gegen die anliegenden abstechen und den kath. Vereinen der Stadt bald ein geräumiges und würdiges Heim bieten.

Die Kosten des Baues belaufen sich nach dem Voranschlag auf rund 35.000,00 Mark, jedoch sind die Preise im Einzelnen so hoch gesteckt daß durch Angebot eine erhebliche Reduzierung der Summe zu erwarten ist, ohne daß eine Benachteiligung der Unternehmer zu befürchten wäre. Den Handwerksmeistern von Neheim ist jedenfalls die günstige Gelegenheit geboten, sich selbst und ihrer Geschicklichkeit ein dauerndes und glänzendes Denkmal zu setzen "

Das gleiche Blatt schreibt einige Tage später: "Die Arbeiten am Neubau des hiesigen Gesellenhauses sind an folgende Meister vergeben worden:
Maurerarbeiten: Kalkuhl
Zimmererarbeit: Jose Kampschulte
Schreinerarbeit: August Heppelmann, P. Forster, Otto Bertelsmann, Mimberg und Korngieberbr
Schlosserarbeit: Franz Gosselke
Klempnerarbeit: Josef Rüsewald
Anstreicherarbeit: C. F. Schrage

Sämtliche Angebote sind nur einige Prozent unter Kostenanschlag geblieben. Mit dem Bau wird Donnerstag begonnen werden.

Das Bauwerk wurde mit Gottes Segen begonnen und Neheim erhielt also neben der Schützenhalle, später Volkshalle, den zweiten größeren Saalbau.

 

[Quelle: Festschrift 100 Jahre Kolpinghaus Neheim 1895 - 1995]