Gildenhaus anstatt Kolpinghaus

Mit dieser beschriebenen Bausubstanz und Schuldenbelastung mußte der Verein in die düstere Zeit des Nationalsozialismus gehen. In der Mitgliederversammlung vom 20. Mal 1938, einberufen durch den zweiten Vorsitzenden Heinrich Möller, wird vom Handwerkerschutzverein der neue Vorsitzende, Vikar Linnhoff, gewählt, der mit weiteren Mitgliedern des Schutzvorstandes (siehe Originaldokument unten) das schwere Schiff Kolpinghaus durch die stürmische Zeit lenken mußte.  

Das Haus, obwohl immer als öffentliche Gastwirtschaft bis 1945 weiterbetrieben, mußte in diesen Jahren aufgrund der Räumlichkeiten mehrfach artfremde Nutzungen zulassen. Schon 1938 hatte die Reichsstelle für Getreide die "Sicherstellung von Lagerraum zum Zwecke der Getreidelagerung von 185 Tonnen" angeordnet. Allerdings kam es nicht dazu, denn 1939 wurde der Versammlungssaal als ungeeignet weil zu feucht und die Anfuhr zu schlecht" war, eingestuft. Ab 1940 aber wurde, zuerst nur der große Saal, später auch der Saal (erstes Obergeschoß), Bühnenkeller und Kegelbahnen für andere Zwecke genutzt. So wurde ein Vertrag mit der Neheimer Firma Karolat "für eine unbestimmte Zeitdauer" abgeschlossen. Die Firma verpflichtete sich, nur Nähmaschinen (zum Nähen von Fallschirmen) zur Aufstellung zu bringen. Allerdings mußte der Saal für Veranstaltungen der "KFD" (Kraft durch Freude), "RA" (Reichsarbeitsdienst), "DHJ" (Deutsche Hitlerjugend), "BDM" (Bund Deutscher Mädchen) jeweils geräumt werden.  

Ein anderer Mietvertrag wurde 1942 "zwischen dem Gastwirt Albert Kirchhoff, zur Zeit bei der Wehrmacht, als Vermieter und dem Bürgemeister der Stadt Neheim-Hüsten als Mieter wird mit Zustimmung des Handwerkerschutzvereins als Eigentümer folgender Mietvertrag geschlossen usw. Das Arbeitsamt wurde im Haus eingerichtet.  

Auch die Firma Brökelmann, Jaeger und Busse mietete mit Vertrag vom 17. September 1942 die Räumlichkeiten des Hauses "für eine unbestimmte Zeitdauer".  

Auch für andere Nutzungen wurde das Haus benötigt, z.B. als "Reservelazarett Neheim", Teillazarett "Lyzeum". 1943, nach der schrecklichen Möhnekatastrophe wurden ca. 300 Fremdarbeiter, meistens Russen, die sonst Quartier in der Möhnestrasse hatten und später in einem Barackenlager am Bahnhof gebracht wurden, im Haus einquartiert. Übrigens brach hier Panik aus, als durch Falschalarm gemeldet wurde, dass auch der Sorpedamm gebrochen sei.  

Sogar als Beutelager der Nazis mußte das Haus herhalten. Noch 1944 wurden Möbel, Teppiche, Bilder usw. im großen Saal abgestellt.  

Von den ersten Bomben, die auf Neheim fielen, traf am 19. Juni 1940 eine auch den Kolpinghaussaal.  

Anstrengende Aktivitäten mußten entwickelt werden, bis der Schaden am 10. Januar 1942 beim "Landrat als Feststellungsbehörde für Kriegssachschäden, lfd. Nr. 125 Neheim G" mit 16.614,32 RM überhaupt anerkannt und behoben wurde.  

Ein Gutachten beschreibt den Schaden:  

Berechnung des Minderwertes am Saal des Gildenhauses durch feindlichen Bombenabwurf in der Nacht zum 19. Juni 1940.  

Das Gebäude ist sehr stabil ausgeführt und wird auch gut unterhalten. Die feindliche Bombe ist fast mitten in den Saal geworfen worden und hat eine Seitenwand von ca. 15 cm und die andere um 3 cm nach außen gedrückt. Beide Seiten mußten z. T mit starken Pfeilern versetzt und erneuert werden. Da das Gebäude in seinem inneren Zusammenhang ohne Zweifel stark gelitten hat, ist eine Wertminderung angemessen. Da auch die Bühne stark gelitten hat, der Schallfänger fast ganz gerissen war, ist auch hier eine Wertminderung angemessen.  

Der Sachverständige kommt auf einen Neubauwert von RM 32.000,00.  

Noch in den letzten Kriegswochen, im Frühjahr 1945, mußte sich das Kolpinghaus sowie die Nachbarn der Kapellenstraße, Post und Schwingenheuer, gemeinsam gegen den nördlichen Anlieger, die Firma Ernst Keller & Co., rechtsanwaltlich wehren. Die zur Langen Wende tiefer liegende Firma hatte die Höhenlage ausgenutzt und ohne Genehmigung begonnen einen ca. 1,5 Meter breiten und 2 Meter hohen Stollen mit zwei Ein bzw. Ausgängen unter die Grundstücke Kapellenstraße 8, 10 und 12 zu treiben.  

Die noch vorhandene Skizze läßt erkennen, daß der Stollen genau unter der damals noch vorhandenen Kegelbahn gebaut wurde, bzw. gebaut werden sollte. Viel später, im Jahre 1956 hat die Firma einen Ausgleich mit 2.000,00 DM herbeigeführt.

Am 12. April 1945 wurde Neheim durch die Amerikaner befreit. Von der Spitze der St. Johannes Kirche wehte die weiße Fahne.  

Der Krieg ist zu Ende  

Die Befreiung bedeutete aber keine Freiheit für das Kolpinghaus, obwohl schon Ende April 1945 die erste Versammlung der Kolpingsfamilie durch den seit 1941 tätigen Präses Karl Nolte abgehalten wurde. Vorher schon hatte man kurz entschlossen das Arbeitsamt aus dem Haus geworfen und die provisorisch hergestellten Büroabkleidungen entfernt.  

Doch am 17. Mai 1945 wurde das Haus von den Amerikanern beschlagnahmt. Eine neue leidvolle Phase der Vereinsgeschichte begann.

 

[Quelle: Festschrift 100 Jahre Kolpinghaus Neheim 1895 - 1995]