Um die Freigabe des Kolpinghauses muß gekämpft werden

Mit der Situation konnte sich natürlich keiner zufrieden geben. Präses, Vorstand, und besonders auch der Pächter Kirchhoff arbeiteten und suchten Wege, das Haus möglichst bald wieder bewirtschaften zu können. Auch das gesamte Vereinswesen, besonders das der katholischen Vereine konnte aus Mangel an geeigneten Räumen noch nicht wieder aktiviert werden.  

Ein Schreiben des Pächters vom 27.9.1945 gibt Aufschluß und Einblick in die private Situation nach dem Krieg und dem Standort des Hauses in dieser schwierigen Zeit.  

An den
Herrn Kommandanten d. 919 Mill. Regt. Det.
in Neheim Hüsten

Unterzeichneter ist Pächter und Hausmeister des Katholischen Gesellenhauses in Neheim Hüsten, Kapellenstr. 8.  

Am 17.Mai 1945 wurde das Kath. Gesellenhaus auf Anordnung der Amerikanischen Militärbehörde beschlagnahmt. Meine Frau mußte unsere Wohnung in diesem Hause innerhalb einer Stunde räumen. Es wurde ihr nicht erlaubt die Wohnungseinrichtung und sonstige Haushaltsgegenstände mitzunehmen. Auch wurde ihr späterhin jeglicher Zutritt in das Haus und in die Wohnung untersagt. Die Wohnung wurde mit Polen belegt. Nachdem diese das Haus verlassen hatten und meine Frau hiernach von der Englischen Militärbehörde die Erlaubnis erhielt, einige Spielsachen für meine drei kleinen Kinder holen zu dürfen, stellte sie fest, daß ein großer Teil der Haushaltungsgegenstände und Wäsche fehlte.  

Zur Säuberung des Hauses sind z.Zt.. deutsche Frauen eingesetzt. Nach weisen kann ich, daß diese Frauen bis jetzt schon einen beträglichen Teil der noch vorhandenen Haushaltungsgegenstände gestohlen haben.  

Es ist mir daher bis jetzt ein großer Schaden zugefügt worden. Durch die Beschlagnahme des Hauses ist mir fernerhin meine Existenz genommen worden. Die Sorge um meine Familie wird durch meine Kriegsinvalidität noch vergrößert.  

Ich habe, obschon ich Geschäftsmann war, nie der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen angehört. Während der Naziherrschaft bin ich nach weislich dauernd hart von diesen bedrängt worden. Oft wurde mir mit Geschäftsschließung und mit Entzug der Konzession gedroht. Selbst als ich als erster Gastwirt von Neheim Soldat werden mußte, hat man während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit, meiner Frau hart zugesetzt. Fast unmögliches wurde von ihr verlangt und immer wieder Zimmer und Räume im Hause beschlagnahmt. Die Partei und die Deutsche Arbeitsfront haben in den letzten Jahren mit allen Mitteln versucht, das Kath. Gesellenhaus in ihren Besitz zu bringen. Sie wollten hierdurch vor allem das sogenannte "Schwarze Haus", in dem fast ausschließlich Bürger verkehrten, die nicht der Partei angehörten, auslöschen. Um das Bestehen des Kath. Gesellenhauses haben wir in all den Jahren der Naziherrschaft gekämpft. Auch die kath. Vereine, die von der Gestapo verboten waren, hielten hier heimlich ihre Zusammenkünfte ab. In diesem Hause wurde das religiöse Leben gefördert und die zu uns haltenden Jugend im Sinne einer wahren Demokratie erzogen. Ferner wurden in unserem Hause Ausländer, trotzdem es verboten war genauso als Gäste behandelt und bewirtet, wie die deutschen.  

Da z.Zt. nur ein Teil der Räume im Hause benutzt werden, bitte ich als Pächter, den Herrn Kommandanten, der kath. Jugend zur weiteren Erziehung und Schulung wenigstens einige Räume zur Verfügung stellen zu wollen. Da das Haus mehrere Eingänge hat, so könnte man, wenn es erforderlich wäre, eine Trennung der Räume vornehmen, so daß die untere Etage von der oberen Etage vollkommen getrennt wäre.

Ich bitte daher den Herrn Kommandanten um wohlwollende Behandlung meines Gesuches und um die Genehmigung, meine Wohnung in dem Haues wieder zu beziehen zu dürfen.  

Albert Kirchhoff 

 

Alles blieb aber erfolglos. Nach den Amerikanern kamen 1947 die Engländer. Diese übergaben das Haus 1948 den Belgiern. Alle benutzten das Haus als Casino für Theaterveranstaltungen oder sonstige kulturelle Darbietungen. Eine richtige und ständige Nutzung war nicht vorhanden. Die Belgier bauten übrigens den heutigen Sängersaal als Küche an.  

Da auf absehbare Zeit mit der Freigabe nicht gerechnet werden konnte, legte 1947 Präses Nolte Pläne für einen KolpinghausNeubau vor. Es kam sogar zu einem Bauantrag. Für 99.516,00 RM sollte an der Schobbostraße auf einem Grundstück der katholischen Kirchengemeinde St. Johannes, eine Gaststätte mit Saalbau und Wandelhalle errichtet werden.  

Wie so oft, das Geld fehlte und der Vorschlag wurde durch den Handwerkerschutzverein abgelehnt. Allerdings wurde die auf dem Kolpinghaus noch eingetragene Schuld von 45.000,00 RM mit Hilfe vieler Mitglieder, Bürger und der heimischen Industrie noch vor der Währungsreform abgetragen.

 

[Quelle: Festschrift 100 Jahre Kolpinghaus Neheim 1895 - 1995]